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  Pfingsten an der Adria und in den Dolomiten 15.11.2018 15:28 (UTC)
   
 

Pfingsturlaub 2016


Reisetagebuch


Prolog

Wie in jedem Jahr wollte ich auch 2016 wieder einige Tage an die Adria nach Lignano fahren. Danach - dem Giro sei Dank! - waren noch einige Tage in Corvara (Dolomiten) eingeplant, wo eine Etappenankunft stattfinden sollte. Positive Erfahrungen von unserer Radwoche im August des Vorjahres machten mir die Entscheidung noch einfacher. Was die Sache aber - je näher Pfingsten rückte - zusehends verkomplizierte, waren die Wetteraussichten. Lagen die Feiertage Mitte Mai eh schon relativ frühzeitig, so verkündete ein angekündigter Kaltlufteinbruch Ungemach.
Traditionell wollte ich aus den ca. 20 verschiedenen (und meist mit verschiedenen Vorhersagen aufwartenden) italienischen Wetterberichten, die man im Netz findet, die positivsten heraussuchen und damit für persönliche Motivation sorgen. Doch diesmal gab es keinen besten: Bescheidenes Wetter mit Schafskälte an der Adria und Wintereinbruch in den Bergen, das war der einhellige Tenor. Da nutzte selbst die Vorfreude auf Touren mit meinem nagelneuen Cube Attain SL Disc nicht viel. Dies hatte ich nach halbjähriger Wartezeit gerade noch rechtzeitig erhalten und konnte es am Tag vor Urlaubsanbruch von der Erstdurchsicht abholen.
Das Problem mit der Kleidungsauswahl (sowohl in radsportlicher Sicht als auch sonst) löste ich durch abartig umfangreiches Gepäck, welches die Schränke eines Doppelzimmers locker allein füllen sollte.
So war ich also auf alles vorbereitet. Dann konnte es ja losgehen...

1. Tag

Abfahrt in Neuenmarkt gegen 3.30 Uhr, zum Glück im Trockenen. Das sollte auch über weite Strecken so bleiben, nur das Absinken des Thermometers in Österreich auf 3 Grad lässt mich das Schlimmste vermuten.


Übel: Das Wetter kurz vor dem Tauerntunnel
 
Als ich aus dem Tauerntunnel herauskomme, rieselt der Schnee. Doch die Stimmung hellt sich schnell auf: Bis Lignano stieigt die Temperatur sukzessive auf 20 Grad, die Sonne scheint, und der recht starke Wind stört mich (nachdem wir in Oberfranken über eine Woche lang unter Nordoststurm litten) auch nicht besonders. Bis zum Abend ist die Sonne aber weg, es ist kalt, und der Sturm bläst den Sand vom Strand in die Ortschaft hinein. Frust macht sich breit - wenn das so bleibt... Da helfen nur ein paar "Coppa del Mondo" (= Hefeweizen; Wortkreation von Hotelier und Freund Renato Filippi wegen der Ähnlichkeit mit dem Fußball-Weltmeisterschafts-Pokal).

2. Tag

DIE SONNE SCHEINT! Auch der angekündigte Sturm entpuppt sich als hierzulande übliche Brise. Temperatur knapp 20 Grad, dann kanns ja losgehen.


Mit neuem Rad vor dem Hotel Paris

Rauf aufs Rad, mit Sommerklamotten. Geplant sind 75 flache Kilometer, grob gesagt durchs Mündungsgebiet des Tagliamento-Flusses. Pertegada-Precenicco-Teor-Ronchis-Latisana, um die Strecke mal grob zu skizzieren. Ein Genuss für das neue Rad: Die Kette surrt, das Tretlager wird nicht über Gebühr strapaziert, und die Schaltung könnte sich schlafen legen: Ich hätte die komplette Strecke im gleichen Gang fahren können. Die Landschaft ist weder besonders aufregend noch langweilig; Landschaft eben. Auffallend die Zersiedlung: Die Dörfer ziehen sich teils kilometerlang an der Straße, und unterwegs begegnet man immer wieder Einzelgehöften und "Residenzen" - nicht wenige haben ihre beste Zeit schon lange hinter sich oder sind im Verfallen begriffen.


 
Das Quaken der Frösche, die es sich im Straßengraben oder in Tümpeln gemütlich gemacht haben, begleitet mich über weite Strecken. Der Straßenzustand ist fast überall gut, bis auf das Stück zwischen Lignano und Pertegada. Hier ist der Belag entlang des Tagliamento teilweise nicht mehr rennradtauglich; man sollte lieber auf die Hauptstraße ausweichen und in Pertegada links abbiegen.
Auf dem Rückweg macht mir der Gegenwind doch etwas zu schaffen, aber am Schluss stehen 77 Kilometer und ein knapper 28er Schnitt auf dem Tacho.
Lignano selbst ist an diesem Pfingstmontagabend so gut wie ausgestorben. Es wäre kein Problem gewesen, mitten im Ort ein Foto ohne irgendeinen Menschen darauf zu schießen. In meiner Stammpizzeria - qualitativ hervorragend mit immer freundlichem Personal - bin ich zeitweilig der einzige Gast. Der Oberkellner läuft mit einer Trainingsjacke mit der Aufschrift "Newcastle United" herum und verdrückt sich bald ganz. Ein anderer Ober übt sich in Selbstgesprächen. Aber das Essen schmeckt toll!

3. Tag

DIE SONNE SCHEINT! Auch der Wind hat sich verabschiedet. Temperatur wie am Vortag, eben kein Badewetter. Lignano liegt im verlängerten Winterschlaf. Ich beschließe, diese ganz besondere Atmosphäre im Bild festzuhalten.


Wo sind die Touristen?


Ausgestorben: Der Strand

Ein Touristenzentrum ohne Touristen. Zumindest fast. Wer ist denn da? Diejenigen, welche schon in den 1960/70ern mittels der legendären Busreisen ("Seebad Bibione 349 DM") hier waren, ihr 50stes Jubiläum feiern und genauso aussehen. Dann ein paar Österreicher, die wohl Angst haben, dass ihre zaun- und mauerbauwütige Regierung auch sie in absehbarer Zeit nicht mehr rein- (oder raus-) lässt. Die Läden haben zum Teil kürzere Öffnungszeiten; andere machen gar nicht auf. Keine Gäste, keine Kohle...
Mir ist das wurscht - angesagt ist Flachetappe 2 mit gut 65 Kilometern. Grob gesagt Richtung Portogruaro, dann über Bibione zurück. Das Wetter ist wie am Vortag, und genauso viel Spaß macht das Fahren auch. Dazu schaffe ich erstmals 30 Kilometer in der ersten Stunde. Zurück gehts etwas zäher, vor allem die unendlich lange, kerzengerade Straße Richtung Bibione zieht sich hin. Bibione bereitet sich auf den Giro vor, der 2 Tage später hier sein Stelldichein geben sollte - die rosa Plastikbänder und Luftballons sind wohl ausverkauft. Am Ortseingang werden noch schnell die Straßenlampen erneuert, obwohl der Rad-Tross ja bei hellichtem Tag einrollen wird.


 
Ich gönne mir ein Eis und kurble dann gemütlich nach Lignano zurück. Zum Abendessen begrüßt man mich im Lokal per Handschlag. Irre! Morgen gehts in die Berge...

4. Tag

DIE SONNE SCHEINT! Zwar nicht mehr vom üngetrübten Himmel, aber immerhin. Ich fahre mit dem Auto 100 km Richtung Norden in die Karnischen Alpen, nach Moggio Udinese. Dort ist es schon deutlich kühler, bedeckt und windig. Ich ziehe noch eine Weste übers Trikot, was eine kluge Entscheidung sein sollte. Heute steht eine Runde mit 50 Kilometern und ca. 900 Höhenmetern auf dem Programm; 500 davon sollten hoch zum einzigen Pass, der Sella Cereschiatis (1066 m), zu überwinden sein. Der erste Teil dieser Runde verläuft - nach kurzer, 4 km langer Anfahrt auf der vielbefahrenen SS13, auf dem Pontebbana-Radweg. Diesen habe ich im Vorjahr ausführlich beschrieben. Erfreulich, dass in Resiutta, dem Startort des Radwegs, Baumaßnahmen darauf hindeuten, dass dieser in Kürze Richtung Westen / Süden verlängert wird.


Am alten Bahnhof in Resiutta, dem (Noch-)Ausgangspunkt des Radwegs


Erfreulich: Die Strecke wird weitergebaut


Manche Tunnel sind noch nicht fertig und müssen umfahren werden

Die knapp 25 km bis Pontebba machen trotz des eher bescheidenen Wetters riesigen Spaß - die Trasse verläuft wirklich spektakulär, in toller Landschaft und mit dauerhafter, aber kaum spürbarer Steigung. Dies ändert sich in Pontebba schnell. Kurz nach dem Ortseingang geht es links weg (Vorsicht: Gefahr des Verfahrens! Richtung Moggio Udinese halten), dann steigt die Straße sofort mit 8 bis 10 % an. Dies ändert sich erst im Ort Studena Alta, einem Ortsteil von Pontebba, der sich almenhaft auf einen Wiesenhang verteilt. Die Straße ist in weitgehend gutem Zustand, verläuft meist im Wald, mit vielen Kurven, was bei einer Steigung von mittlerweile 6 bis 8 % Fahrspaß pur bedeutet. Erst hinter der Ortschaft Aupa wirds wieder steiler, und bis zur Passhöhe, die dann schnell erreicht ist, gibts auch ein paar Kehren.


Der einsame Anstieg in der Nähe des Dorfes Aupa


Es wird wieder etwas steiler. Man betrachte die Braunfärbung der
Blätter vieler Bäume - verursacht durch einen späten Frosteinbruch


Passhöhe der Sella Ceresciatis (1066 m)

Der unscheinbare Hochpunkt ist nicht der Rede wert; also schnell die Kleidung gewechselt und die Abfahrt in Angriff genommen. Diese ist auf den ersten Kilometern teilweise sehr steil und die Straße streckenweise in erbärmlichen Zustand (Vorsicht!). Nach einer Kehrengruppe wirds dann deutlich besser und auch flacher. Immer am Bett des Aupaflusses entlang, kann man es auf über 10 Kilometern so richtig laufen lassen. In Moggio Udinese komme ich dann erfreulicherweise direkt beim Parkplatz meines Autos heraus.

5. Tag

Heute scheint die Sonne nicht, aber das ist nicht weiter schlimm. Bislang hat das Wetter meine Erwartungen mehr als übertroffen; außerdem ist heute radfahrtechnisch Ruhetag angesagt. Ich unternehme einen Fußmarsch nach Lignano Sabbiadoro und laufe am Strand zurück. Mir begegnen keine 10 Leute, wo sich sonst tausende tummeln. So eine Strandwanderung, begleitet nur vom Meeresrauschen, dazu ein wenig Muscheln sammeln, das ist wunderbar zum Abschalten und Erholung pur. Das wäre auch eine prima Therapie für unsere What's-App-geschädigte Nachwuchsgeneration, die schon dann die Krise kriegt, wenn sich auf ihrem "Wischkasterl" mal 5 Minuten nichts tut.
Summe Summarum: Lignano 2016 war wieder klasse - der Pfingsttrip an die Adria war erneut lohnenswert!

6. Tag

Weiterfahrt nach Corvara, wo am nächsten Tag die Königsetappe des Giro d'Italia durch die Dolomiten zu Ende gehen wird. Unterwegs ein Abstecher in die Vajontschlucht, wo 1963 ein Bergsturz den eben angelegten Stausee zerstörte und die Flutwelle tausende Menschen das Leben kostete. Was heute von dieser Tragödie übrig ist, ist die Staumauer, ein kleiner Rest des Sees und eine faszinierende Landschaft, die man gesehen haben muss.


Der Rest des ehemaligen Vajont-Stausees ist in der Bildmitte zu sehen.


Auch nach über 50 Jahren ist die Abrisskante des Bergsturzes deutlich
zu erkennen


Der Schuttberg  (links) ist heute von Wald bedeckt - damals füllte er einen
Großteil des Sees aus und verursachte eine verheerende Flutwelle.


Die Staumauer blieb stehen und dient heute als Mahnmal

Weiter führt mich mein Weg über Cortina, den Passo Giau (im Schnee) und das Buchensteintal nach Corvara.


Im Schnee: Passhöhe des Giau


Blick über die verschneiten Dolomiten Richtung Sellastock

Nachdem die ganze Gegend bereits im Giro-Fieber befindet (mir begegnen Radfahrer ohne Ende; viele Fans campen bereits an den Serpentinen hoch zum Giau, trotz der niedrigen Temperaturen), schnappe ich mir gegen Abend auch noch mein Rad und fahre zum Grödner Joch hoch. Diesen Anstieg habe ich bereits 2015 beschrieben - einfach toll!

7. Tag

Es herrscht Kaiserwetter am Tag, an dem der Giro d'Italia sein Stelldichein in Corvara gibt. Die Organisatoren wollten es so, dass der Tross nach Umrundung der Sellagruppe bereits einmal den Ort durchquert und schließlich - nach den Pässen Giau und Valparola - die Etappe hier beendet. Der kleine Ort ist im Ausnahmezustand, und ich auch. Die Atmosphäre ist für einen Radsportfan einzigartig. Dazu eine Etappe, die mit 210 km und 5400 Höhenmetern durch die wunderbare Bergwelt der Dolomiten ihresgleichen sucht. Ich wechsle zwischen dem Originalschauplatz hier und dem Fernsehgerät hin und her - ein wirklich denkwürdiger Tag!

Als Zuschauer am Ortsausgang von Corvara

Hochbetrieb am Fuß des Sassongher

Valverde und der Gesamtführende Amador schießen vorbei


8. Tag

Wieder lacht die Sonne vom strahlend blauen Himmel. Optimale Voraussetzungen, die Sellarunde selbst mit dem Rad in Angriff zu nehmen. Wie schon 2007 fahre ich sie im Uhrzeigersinn (2015 bewältigte ich sie andersrum). Der erste Pass, der Campolongo, erweist sich optimal zum Aufwärmen; der Pordoi (längster Anstieg mit 10 km und 33 Serpentinen) lässt sich wunderbar gleichmäßig hochkurbeln; das Sellajoch ist mit teilweise 12 % Steigung am giftigsten, führt aber durch eine wirklich faszinierende Landschaft; das Grödner Joch zum Schluss macht mit 300 Höhenmetern auch als letzter Pass keinem mehr Angst. Toll aber dessen Abfahrt hinunter nach Corvara. An vielen Stellen ist die Straße - wohl wegen des Giro - neu asphaltiert: herrlich! Insgesamt schaffe ich diese Runde trotz des frühen Zeitpunkts im Jahr erstaunlich locker - das neue Rennrad hat sicher auch seinen Teil dazu beigetragen. Lediglich an den Scheibenbremsen muss der Cube-Händler noch nachbessern, denn man muss ja nicht immer denken, es kommt die Feuerwehr oder ein Krankenwagen, wenn ich bremsend unterwegs bin. Da sowohl an anderer Stelle meiner HP als auch auf unzähligen anderen Seiten zur Genüge über die Sellarunde berichtet wird, soll es hier bei diesen Ausführungen bleiben.


Blick von der Passhöhe des Pordoi nach Osten


Beginn des Anstiegs zum Sellajoch


Die Langkofelgruppe in spätwinterlicher Schönheit


Auf dem Sellajoch



9. Tag

Heimfahrt. Die ersten 25 Kilometer im Gadertal ist es noch trocken, dann regnet es fast die kompletten 540 Kilometer. Wegen des geringen Verkehrsaufkommens war das Fahren aber kein Problem. Zu Hause: 16 Grad und Regen. Wie gehabt...

Epilog

Erstens kommt es anders, und zweitens als man denkt. Diese alte, aber immer wieder gültige Formel trifft für meinen Pfingsturlaub 2016 ganz besonders zu. 6 der 7 Tage vor Ort Sonnenschein, dazu angenehme Temperaturen - Herz, was willst du mehr? Dazu die Winterklamotten  nicht gebraucht, 265 km mit dem Rad runtergespult, der Form auf den Zahn gefühlt - meine Erwartungen wurden nicht nur erfüllt, sondern übertroffen.




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  Letztes Update: 29.10.2018
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
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